„Keinerlei Zweifel“ sagte Jens-Christian Wagner – und diese Äußerung offenbart die ganzeVerzweiflung, die ganze Absurdität der Situation. Denn wie merkwürdig, wie verzweifelt müssen die Dinge beschaffen sein, wenn der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald einen Redner, einen weltweit diskutierten Philosophen, bittet, an diesem Sonntag nicht in Buchenwald zur zentralenFeier der Befreiung zu reden – und im gleichen Atemzug erklärt, er habe eben „keinerlei Zweifel“ an dessen persönlicher und fachlicher Eignung als Redner an diesem Tag an diesem Ort. Omri Boehm ist ein in New York lehrender deutsch-israelischer Philosoph, im vergangenen Jahr erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse zur Europäischen Verständigung. Er tritt für einen binationalen jüdisch-palästinensischen Bundesstaat ein, auf der Basis absoluter Gleichberechtigung von Juden und Palästinensern. Auch andere seiner Ansichten missfallen der Regierung in Israel,etwa die Forderung, die Nabka, die Vertreibung der Palästinenser, neben der Shoa, als Teil der israelischen Erinnerungskultur, und daraus folgender Handlungen, zu begreifen. Und deshalb, aus genau diesem Grunde der politisch-ideologischen Missliebigkeit hat dieBotschaft des Staates Israels protestiert, der Auftritt Boehms sei eine „eklatante Beleidigung des Gedenkens“, sie sei „empörend“.

Empörend ist hier nur das Agieren des Staates Israel.

Mutmaßlich hätte dann der Botschafter Israels sein Kommen zum 80. Jahrestag der Befreiung abgesagt, mutmaßlich wäre dann vor allem dieser Vorgang Gegenstand der medialen Wahrnehmung gewesen – und ganz sicher wäre all das zu Lasten, zu empörenden, zu erdrückenden Lasten der wenigen noch lebenden ehemaligen Häftlinge gegangen, die am Sonntag dort geehrte Gäste sein werden wo sie einst geschundene Kreaturen waren. Jens-Christian Wagner hat, das darf man so sagen, integer und verantwortungsvoll gehandelt als er schweren Herzens, das kann man wohl unterstellen, Omri Boehm bat, an diesem Sonntag hier nicht zu sprechen. Diese Rede soll aber nachgeholt werden – zu einem Termin, dessen Integrität nicht vor israelischen Eingriffen geschützt werden muss.

Ich kenne Buchenwald, in Erfurt aufgewachsen, von vielen Besuchen, verordneten und, überwiegend, freiwilligen, gewollten. Mein Vater, ein Jude aus Polen, kannte es auch, besser, anders, da war das noch keine Gedenkstätte, da war das ein Konzentrationslager. Ich sage das, um zu erklären, warum das auch eine irgendwie persönliche Angelegenheit für mich ist. Eine persönliche Angelegenheit ist es, wenn es immer schwerer und zunehmend unmöglich wird, die Politik des Staates Israel zu erklären, zu vertreten. Eine persönliche Angelegenheit ist die bittere Überzeugung, der reaktionäre, moralfreie israelische Ministerpräsident sei ein Glücksfall für dieAntisemiten dieser Welt. Ein Mann, der das Leben Zehntausender Menschen, auch das seiner Leute, auch das der Geiseln, für geringer erachtet als seine politische Macht, die er mit dieser brutalen Politik befestigt. Den Glauben an den Kern, an den Grund des Staates Israel bewahren die Tausenden Demonstranten dort.

Nein, ich habe keinerlei Zweifel an der moralisch und historisch begründeten Existenz dieses Staates. Und ich habe keinerlei Zweifel, dass sie diese furchtbare Regierung endlich zum Teufel jagen müssen.

Henryk Goldberg